23. OKTOBER 2026
ROSTOCK/LÜTTEN-KLEIN – MECKLENBURG-VORPOMMERN

Das wird jeden Menschen mit Empathie und dem Wunsch nach Frieden berühren, emotional tief im Herzen erreichen und ganz sicher in ein tieferes Nachdenken und so vielleicht auch ins Handeln FÜR den Frieden bringen.
Was ist passiert?
Wir waren heute mit unserem Friedenstisch auf dem Fußgänger-Boulevard in Rostock-Lütten Klein aktiv., und dass schon ab kurz vor 9 Uhr. Der Wochenmarkt war schon geöffnet, der Stadtteil Lütten-Klein aber gefühlt gerade am erwachen. Die Menschen kamen und gingen, so wie immer und überall.
Nur ein was war heute anders. Gefühlt über zehn Mal kamen Menschen, denen eines gemeinsam war. Sie waren Kinder des II. Weltkrieges, also Kinder aus den Jahrgängen 1937, 1938, 1938 … Und alle fanden sich plötzlich in den Tagen ihrer Kriegskindheit wieder, dem mitunter tagelangen „Vegetieren“ in den Bunkern, den Erfahrungen des gefallenen oder getöteten Vaters in Stalingrad (die Frau war damals vier Jahre alt und weiß es bis heute nicht), den Geschichten von Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen usw. Ja, sehr oft haben wir die Musik leise gemacht oder die Ansprachen unterbrochen. Vor uns standen Menschen, die als Kinder KRIEG real erlebt haben. Nein – Ihr Lieben – das ist nicht mit Worten zu beschreiben.
Und dann … dann kam für mich (Jens aus Rostock) – der Gänsehaut-Moment seit dem Initiieren und dem Start dieser bundesweiten Friedensinitiative der Väter, Mütter, Großeltern … naja, Ihr wisst schon:
Eine etwas größere Frau, gut zu Fuß und noch sehr aktiv im Kopf kam an unseren Stand. Sie unterhielt sich mit Anja und auch anderen „Kindern des Krieges“. Sie sagte wohl zu Anja, dass sie sich nichts sehnlicher wünsche, dass die Kinder nur strahlen, spielen und lachen. Und so kamen beide irgendwie auf das Lied, was ALLE Kinder der DDR kennen. Die kleine weiße Friedenstaube.
Natürlich war es mehr als selbstverständlich, dass wir IHR ZU EHREN dieses Lied spielen. Das Lied beginnt und ich beschreibe Ihr, wie wir es in den Zeiten unserer 11 wöchigen Friedensmahnwachen in Rostock (ab Ende Januar 2023 – Beginn der Panzerlieferungen für den Ukrainekrieg) gespielt haben. Wir Erwachsene haben uns an den Händen gefasst – zum Erstaunen der damals in der City an uns vorbeilaufenden Menschen. Ich drehe mich, will mich wieder „meinen Friedensaufgaben vor Ort“ widmen und schaue aber noch voller Hochachtung der Frau nach … und halte plötzlich inne. Es folgt eine Szene, die ich wohl niemals in meinem Leben vergessen werde:
Die Frau hört also das Lied der Kinder aus der DDR, geht 10 m, hält plötzlich inne und setzt sich auf die im Bild markierte Bank.
Sie setzt sich und scheint diesen Moment bewusst erleben zu wollen. Und plötzlich holt sie sich ein frisches Taschentuch aus Ihrer Handtasche. Sie tupft sich an die Augen und schnaubt plötzlich ins Taschentuch. Sie ist tief ergriffen …
Du siehst es, du spürst es, Du fühlst es körperlich, die Szene geht so tief ins HERZ – es ist genau jetzt für diese Frau ein besonderer emotionaler Moment. Ich bin mir in diesem Moment ganz sicher – sie durchlebt gerade mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit DIE vielen Kriegs- und Friedensmomente Ihres ganzen Lebens.
Ich mache Anja darauf aufmerksam und meine, ob sie mal hinschauen will.
Anja geht hin und ist plötzlich als Frau, als Mensch genau an Ihrer Seite, eine so wichtige und hilfreiche Idee: diese Frau als Mensch in diesen Momenten nicht alleine zu lassen.
Wenn 1 Bild mehr als 1.000 Worte sagt, dann dieses Bild, dieser GÄNSEHAUT-MOMENT.
Diese betagte, lebensbejahende, lebensfrohe und auch vom Leben gezeichnet Frau weint … sie weint.
Und ich merke in mir, wie mich diese Situation so tief im Herzen berührt, wie mich dieser Moment emotional mitnimmt. Eine alte Frau (gut 90) weint bei dem so schönen Kinderlied: Die kleine weiße Friedenstaube. Ich möchte einer Frau die Situation zeigen und erklären und merkte, wie sich alles in mir zuschnürt, die Stimme fast versagt und meine Augen feucht werden. Ich muss mich einen Moment zurückziehen, um den Moment liebevoll wegzuatmen.
Dieser Moment geht so tief ins eigene Menschsein, dass ich sofort spürt, was für einen katastrophalen und schwachsinnigen „Bullshit“, was für ein herz- und seelenloses, welches rein stupide Kriegsmechanik-Gequatsche aus den Worten, Redebeiträgen und „Erklärungs- und Begründungsstatements“ der Politiker, Medienmacher und vieler „Talk-Show-Clowns“ spricht – und das 81 Jahre nach Ende der größten menschlichen Katastrophe des II. Weltkrieges. Einfach nur unfassbar.
Genau in solchen Momenten des realen Lebens fühle ich die Idiotie, die Falschheit, ja die Verlogenheit all der politisch-medialen Diskussions-, Ideologie- und Diskursphrasen der meisten Politik- und Medienfunktionäre oder -Rollenspieler. Also von denen, die Aufrüstung, Militarisierung oder Krieg auch nur etwas sinnvoll Nützliches abgewinnen wollen, die über das kriegerische Töten von Menschen durch Menschen reden und „philosophieren“, als wäre das alles ein Computerspiel … also von „Menschen“, die niemals den Krieg auch nur annähernd erlebt haben. Diese Frau hat ihn real erlebt.
Was aber muss ein Mensch mit durch sein Leben „tragen“, der als Kind real KRIEG und Tod erleben musste und nichts dafür kann/konnte?
Und in mir kommt angesichts der vielen heutigen „Kriegskinder“, der uns vermittelten Kinderkriegserlebnisse und der mich tief berührenden Szene mit dieser Frau auf der Bank der Gedanke:
ALLE, wirklich alle diese Menschen müssten täglich in den Schulklassen unserer Kinder und Enkelkinder sitzen, an allen Schulen Rostocks, an allen Schulen bundesweit, um um ihre er- und durchlebte Kriegskindheit zu berichten. Wie muss es diesen „Kriegskindern“ heute ergehen, wenn dann doch ab und zu die (Benachrichtigungs-) Sirenen heulen. Auch davon wurde uns erzählt. Sie zucken jedes Mal zusammen und die Bilder der Kindheit kommen wieder in den Kopf …
Am Ende merke ich, dass war der für mich persönlich bisher der emotionalste Moment seit es diese Initiative gibt. Für mich sagte dieses erlebte Situationsbild nicht nur mehr als 1.000, nein, sogar mehr als 1.000.000 Worte. Sagen wir alle: NEIN ZU JEDEM KRIEG. Kein Mensch sollte je Krieg erleben und unsere Kinder und Enkelkinder schon gar nicht.