Güstrower Donnerstagsdebatte – spannend, interessant und sehr erkenntnisreich

Donnerstagsdebatte, Güstrow, Mecklenburg Vorpommern, Wehrpflicht

19. MÄRZ 2026
GÜSTROW / MECKLENBURG-VORPOMMERN

Güstrow

„Leben ist da, wo man noch nicht war, alles andere ist Wiederholung.“ – so eine von vielen irgendwie wahren Aussagen von Dieter Lange.

Und so war unsere Friedensinitiative natürlich auf und während dieser Donnerstagsdebatte im Güstrower Rathaus vertreten. Und es war ein interessanter, ein irgendwie spannender, vor allem aber auch sehr nachdenklich stimmender Abend, über den es wirklich seitenweise zu berichten gäbe. Wir waren da, wo wir noch nicht waren.

Natürlich haben wir direkt vor dem Rathaus einen Friedenstisch unserer Initiative aufgestellt, unsere Farbe ORANGE präsentiert und eine Friedensmahnwache durchgeführt. Auf Grund der doch (noch massiven) Baustelle (Sanierung eines Teils des Marktes und der Fußgängerzone), hielt sich leider der Besucherverkehr sehr in Grenzen. Und dennoch gelang es Friedensstimmen zu gewinnen, auch Dank des Einzelstandes unserer lieben Mitstreiterin Gisela aus Stralsund. Toll, dass Du da warst. Und es war zu sehen, dass einige Mitmenschen lieber an den kleinen Friedensstand kamen, als zu unserem „großen“ breiten Tisch.

Die Abendveranstaltung lässt wohl alle und jeden Einzelnen ambivalent zurück. Zum einen die, welche unbedingt für eine Wehrpflicht und den „Dienstzwang“ sind. Zum anderen aber auch uns, die erschrocken sind, über das Ausmass an Ideologie, Agitation, Kriegsrhetorik und Kriegspropaganda. Diese zeigen selbst „im Osten“ Wirkung, zumindest auf solch offiziellen Veranstaltungen.

Das wirklich anerkennenswert Positive: das Engagement der Initiatoren und Veranstalter, genau ein solches Diskussions- und Debattenforum in einem deutschen Rathaus auf die Beine zu stellen. Dafür unseren Respekt und ein herzliches Dankeschön.

Alle werden sich wohl einig sein: Wir – unsere Gesellschaft – haben wirklich eine schier unlösbar scheinende Aufgabe vor uns. Jeder sieht auf diese Welt, auf die akuten Bedrohungen mit immer einer eigenen, subjektiven Sicht. Aus diesen so verschiedenen Welt-Betrachtungen ergeben sich natürlich mindestens genauso viele „Lösungsansätze“ – und -ideen. Und alle (auch wir natürlich) wollen irgendwie Recht haben.

Anwesend waren ein General a.D. der sehr oft betonte Christ zu sein, ein Hauptmann (eine Art Jugendoffizier), der regelmäßig in Schulen auftritt, zwei Schüler (einer eher Pro, der andere wohl eher Kontra einer Wehrpflicht), ein Militärpfarrer mit einem wirklich interessanten Eingangsstatement zu sich: Weder wollte er zur Armee, noch hatte er mit Religion etwas am Hut – heute ist er Militärpfarrer.

Sich mit jedem der geäußerten Gedanken zu befassen, wäre sicherlich möglich, würde aber den Rahmen sprengen.

Dennoch vielleicht zwei, drei (persönliche und vor Ort geäußerte) Gedanken – vor allem zum Herrn General a.D.

Mein subjektiver Eindruck: bewusst oder unbewusst ein sehr geschulter Meister hinsichtlich Agitation, Propaganda, Manipulation, der oberflächlichen Narrativrhetorik und Narrativpropaganda, mit einer doch sehr ausgeprägten Note von „Wahrheitsanspruch“.

Er verwies auf viele „Fake-News“, meinte aber selbst, dass es bedenklich stimme, wenn die Bundeswehr von wohl einst 500.000 Angehörigen heute auf um die 180.000 gesunken ist und man damit Russland ja weit unterlegen wäre.

Kein Wort von den realen Fakten die jeder in nicht mal 1 Minute über Google oder die Gemini-KI ganz leicht finden kann:
Die NATO verfügt über die größte militärische Truppenstärke weltweit. Nach aktuellen Angaben (Stand 2025/2026) umfasst die Gesamtzahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten aller NATO-Mitgliedstaaten über 3 Millionen

Zu Russland:
Aktive Soldaten: Die Zahl der aktiven Soldaten wird für das Jahr 2026 auf etwa 1,32 Millionen beziffert. Andere Quellen sprechen von einer Sollstärke von bis zu 1,5 Millionen.

Eine noch klarere Antwort erhält man über die Eingabe folgender Frage:
Vergleich der konventionellen Streitkräfte der NATO und Russland
Die NATO ist Russland konventionell in fast allen Bereichen deutlich überlegen. Mit über 3,4 Millionen aktiven Soldaten (gegenüber ca. 1,3 Millionen in Russland) und etwa zehnmal höheren Verteidigungsausgaben, verfügt das Bündnis über mehr Kampfpanzer, Flugzeuge und Schiffe. Die NATO-Staaten führen bei moderner Waffentechnologie, während Russland durch den Ukraine-Krieg Ausrüstungsprobleme hat.

Also alles binnen weniger Sekunden zu finden und dennoch die Verbreitung von „Fake-News“ von jemandem, der dies auf der anderen- oder Gegenseite anklagt? Wie geht das? Warum? Wieso? Mit welchem Ziel?

Und die provokativ in den Raum gestellte Frage „Wer von Ihnen ist denn für Frieden?“, die natürlich alle bejahten, interpretierte er doch wirklich als einen Beweis dafür, dass die NATO und wir quasi eine Art Friedenssicherungsarmee sind, wir „unsere Demokratie“ doch verteidigen müssen und alle anderen „die Bösen“ sind. Kein Wort zu den Militäreinsätzen der Bundeswehr in Jugoslawien/Kosovo, Afganistan, Malli usw.

Der Autor dieser Zeilen (J.K. – selbst aus einer Militärlaufbahn kommend und um die Rolle und Aufgabe von Manipulation, Agutation, Propaganda, Narrativen aus dem eigenen Studium wissend) bestätigte dem General hier eine hervorragende Arbeit, welche bei diesen Fächern in der Schule ganz sicher die Note 1 gegeben hätte, denn, würde man die gleiche Frage – Wer von Ihnen ist für den Frieden? – in einer Stadt in Russland, in Israel, in den USA, im Iran, in Afganistan, Pakistan usw. in einem solchen Rathaussaal an Dutzende Menschen stellen, würden auch hier wohl ALLE Menschen laut bestätigen, dass auch sie für den Frieden wären. Also dienten auch diese Staaten und Armeen ausschließlich der Friedenssicherung, oder?! Was war also der ganz offensichtlich manipulative Hintergund der Frage des Generals a.D.? Was sollte diese billige Polemik?

Auch die Notwendigkeit einer angeblich erforderlichen Abschreckung spielte eine Rolle. Die Frage „Gegen wen?“ wurde tlw. sehr von oben herab abgewunken bzw. mit dem üblichen politischen und medialen Narrativen beantwortet. Die bereits oben aufgezeigten Antworten der KI bezgl. der Streitkräfte und Rüstungsgelder beider Seiten spielten in diesem Teil der „Diskussion“ keine wirklich ernsthafte Rolle. Zahlen, Daten und Fakten spielten keine Rolle. Scheinbar allein der Glauben schien hier im Mittelpunkt zu stehen, aber eben nicht WISSEN. (Wenn es aber um Glauben geht, sind wir im Bereich einer Religion, oder?) Hierzu war keine wirklich ruhige und ernsthafte Debatte möglich, was wohl auch die objektiven Grenzen so eines Diskussionsabend aufzeigt.

So war dann auch für das folgende Thema keine Zeit, weil es (von mir) nicht mehr angesprochen werden konnte:
Die politische Bildung, die Präsenz der NVA/Volksmarine, der Wehrunterricht und die Rekrutierung von Offiziersbewerbern/Längerdienenden an den Schulen in der DDR wurde und wird wohl im Nachhinein über alle gesellschaftlichen Schichten mehr als scharf verurteilt. Aber genau auf einen solchen „politischen Bildungsauftrag“ beruft sich aktuell die Bundeswehr und die Politik, wenn auch sie die Bundeswehr an die Schulen schickt. Das wäre richtig und notwendig. Und so sehen wir doch – eine These – wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe, oder?

Weiter blieb festzustellen: Das Podium durfte ausführlich und ohne Zeitdruck reden + antworten, die Zuhörer dagegen angehalten, Meinungsbekundungen kurz und knapp zu halten. Und so wurden dann doch viele Themen gestriffen und eine wirkliche Diskussion, eine tiefere Debatte – auch über gegebenen Antworten des Podiums – doch (unbewusst, aber nachvollziehbar) irgendwie auch verunmöglicht.

Was bleibt? Das sind wieder die zwei wohl doch objektiven Wahrheiten:
1. Das erste, was in jedem Krieg stirbt ist die Wahrheit.

Und eigentlich noch viel wichtiger,
2. Das Weglassen der anderen HÄLFTE der Wahrheit ist die schlimmste Form der Lüge. (lt. Platon)

Und genau hieraus begründet sich ja auch ein Lösungsansatz/-vorschlag unserer Initiative:
Sehen wir uns zuallererst als Väter, Mütter, Großeltern, Erwachsene und Jugendliche.
Sehen wir die Menschen in anderen Ländern ebenso.
Lassen wir ALLES TRENNENDE weg, die politischen, religiösen und weltanschaulichen Befindlichkeiten, also auch jegliche beruflichen oder parteipolitischen Funktionen, jeden religiösen Berufs- oder Funktionsinhalt.

Und befasst man sich tiefer mit den Gedanken Dieter Langes (s.o.), wird man am Ende wirklich verstehen und nachvollziehen können:
Ein NATO-Genaral a.D. kann in den meisten Fällen ganz sicher nur Denken, Reden und Handeln wie ein (ehemaliger) NATO-General, ein Militärpfarrer letztlich nur wie ein Pfarrer in einer Armee und ein Bundeswehr-Jugendoffizier eben nur als Repräsentant der Bundeswehr. Jeder denkt und handelt in und aus seinem „Funktionärkopf“ und hat natürlich (fast) immer Recht.